Goseck in den Medien:
Das Online-Angebot des Bayerischen Rundfunks
www.br-online.de/wissen-bildung/artikel/0506/02-goseck/index.xml
Stand: 02.06.2005
Archäologie
5.000 vor Christus und der Sonne so nah
Archäologische Luftaufnahmen brachten es an den Tag: Das älteste Sonnenobservatorium Europas - mindestens 2.000 Jahre älter als Stonehenge
- lag an der Saale.
Jetzt ist das erstaunliche Stück jungsteinzeitlicher High-Tech-Astronomie vollständig erforscht
und soll bis 2006 in alter Frische wieder auferstehen.
Gosecks "Sonnenobservatorium" dpa
Über Kornkreise können die Gosecker nur lachen:
Sie haben Europas erstes Observatorium im Feld.
Der Ort: ein Hang über dem Tal der Saale.
Die Zeit: 5.000 vor Christus.
Hier, wo später das Dörfchen Goseck in Sachsen-Anhalt liegen wird,
steht dichter Wald, und die Nächte sind stockdunkel. Wer sich nach Sonnenuntergang in einer Lichtung auf den Rücken legt - immerhin gibt es seit kurzem gerodete Flächen - kann genauestens beobachten, wie sich über seiner scheibenförmigen Welt das Sternenzelt aufspannt. Die Kenntnis von Sonnenstand und Sternenlauf ist lebensnotwendig für eine Gesellschaft,
die erst vor wenigen Generationen sesshaft geworden ist,
schon vom Ackerbau lebt, doch Kalender noch nicht kennt.
Im Saaletal ist man dem Rest Europas voraus:
Hier steht das erste Sonnenobservatorium des Kontinents,
mit dem sich auf den Tag genau Sommer- und Winteranfang bestimmen lassen.
Forschungssensation und Wirtschaftsfaktor
7.000 Jahre später: Seit Anfang Juni 2005 wird die Anlage wieder aufgebaut,
um den Nachfahren der Ur-Gosecker das Auskommen zu sichern.
Horst Rehberger sieht in ihr ein "Göttergeschenk für den Tourismus und die Wirtschaft".
Rekonstruktion der Anlage dpa
Rekonstruktion: So soll die Anlage ausgesehen haben - und bald wieder aussehen.
Beschert haben es dem Wirtschaftminister von Sachsen-Anhalt archäologische Luftaufnahmen aus den frühen 90er-Jahren
und die Arbeit eines Teams der Uni Halle-Wittenberg unter Leitung von Francois Bertemes.
2006 soll die Anlage - aus 2.300 Eichenholzstämmen originalgetreu wieder errichtet - zum zweiten Mal Maßstäbe setzen.
Die ersten Gewinner der von 20 Prozent Arbeitslosigkeit gebeutelten Region: Zwei Wissenschaftler und 10 ABM-Kräfte,
die vor Ort die Palisaden schälen.
Danach sollen die Besucher Einblicke in das Leben der Jungsteinzeit und Bronzezeit gewinnen:
Die Anlage von Goseck ist mit ihrem Graben, den beiden innenliegenden Palisadenringen
und einem Durchmesser von 75 Metern der älteste einer Reihe vorgeschichtlicher "Monumentalbauten",
an deren Ende 3.000 Jahre später Stonehenge steht.
"Ur-Planetarium", Kultstätte und Marktplatz
Ihr Clou: Von der Mitte aus gesehen lassen sich durch zwei flaschenhalsartige Öffnungen
genau die Winter- und die Sommersonnenwende anvisieren:
Das Südosttor fokussiert die Sonne am 21. Dezember,
das Südwesttor am 21. Juni.
Die Himmelsscheibe von Nebra dpa
Sonne, Mond und Himmelsbarke vor 3.600 Jahren
Gut möglich, dass die Menschen hier die Einsichten gewannen, die ihren künstlerischen Niederschlag
in der unweit gefundenen "Himmelsscheibe von Nebra" aus dem Jahr 3.600 vor Christus fanden.
Nach Angaben der Archäologen war die Anlage freilich nicht nur Observatorium und heiliger Ort,
sondern auch Markt-, Richt- und Bestattungsplatz sowie letzte Zuflucht und Rückzugsmöglichkeit
im Kriegsfall. Etwaiger Über-Identifikation mit den astronomisch versierten Vorfahren beugt ein weiterer Fund vor:
Abgeschabte Knochen lassen darauf schließen, dass im Palisadenrund auch Menschenopfer stattfanden.
* Quelle: Wissenschaftsnachrichten Bayerischer Rundfunk